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Pressemitteilung 78/24 - 03.07.2024

Gummi als Erfindung indigener V?lker Südamerikas

Augsburger Studie zeigt, dass der intellektuelle Anteil indigener V?lker an der modernen Polymertechnologie weitaus gr??er ist als bislang angenommen.

Der Augsburger Chemiker und Philosoph Prof. Dr. Jens Soentgen zeigt durch die Analyse historischer Quellen, dass der intellektuelle Anteil indigener V?lker an der modernen Technologie zur Gummiherstellung weitaus gr??er ist als bislang angenommen. Seine Studie ist bei Cambridge University Press erschienen.



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Aus dem Milchsaft des Kautschuk-Baums haben bereits indigene V?lker nützliche Gummiprodukte wie Gummistiefel, Gummib?lle oder Gummib?nder hergestellt. Sie r?ucherten das Polymer, um dieses zu stabilisieren und zu konservieren. Der entscheidende Beitrag ihres technischen Know-Hows sollte mehr anerkannt werden, sagt der Augsburger Chemiker und Philosoph Prof. Dr. Jens Soentgen.

Am 24. Mai 2024 hat die World Intellectual Property Organisation, eine Einrichtung der Vereinten Nationen, in Genf einen Vertrag ausgehandelt, der die geistigen Beitr?ge indigener Gemeinschaften zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Medikamente klarer anerkennen soll. Dass dieses Thema auch eine kulturelle und historische Dimension hat, zeigt eine bei Cambridge University Press publizierte Untersuchung des Augsburger Chemikers und Philosophen Prof. Dr. Jens Soentgen. Er hat sich mit der Geschichte des Materials Gummi befasst.

Gummi z?hlt aufgrund seiner Elastizit?t, seiner Wasserundurchl?ssigkeit und auch seiner Eigenschaften als Isolator zu den wichtigsten Substanzen, die industriell hergestellt werden. Egal, ob Autos, Flugzeuge, Raumf?hren oder Unterseeboote und Fahrr?der – alle brauchen Gummi. Auch in der Medizintechnik und in der Elektrotechnik ist Gummi nach wie vor in vielen Bereichen unersetzlich.

?In der herk?mmlichen Geschichte der Gummiherstellung findet sich durchgehend das Stereotyp, dass erst ein von dem US-Amerikaner Charles Goodyear 1844 patentiertes Verfahren namens Vulkanisation, bei dem Schwefel und Hitze zusammenwirken, aus dem Gummi ein brauchbares Produkt gemacht hat“, sagt Jens Soentgen. Der von indigenen V?lkern hergestellte Kautschuk sei hingegen für alle praktischen Zwecke unbrauchbar gewesen, weil er in der K?lte brüchig, in der Hitze aber klebrig geworden sei und überdies rasch schimmelte. Mithin begann in diesem Erz?hlschema die Geschichte des Gummis erst mit Charles Goodyear.

Analyse historischer Quellen

Soentgen zeigt, dass dieses Narrativ falsch ist. Er weist nach, dass die indigenen V?lker Südamerikas vielmehr einen mehrstufigen R?ucherungsprozess kannten, der den Ausgangsstoff, n?mlich den aus der Hevea Brasiliensis gewonnenen Milchsaft chemisch so umwandelt, dass ein haltbares, elastisches Produkt entsteht. Der Wissenschaftler nennt diesen Prozess, den er anhand historischer Quellen rekonstruiert hat, organische Vulkanisation. Grundlage seiner Studie sind Berichte der Konquistadoren und sp?ter Berichte von Reisenden, die einen Zeitraum von ungef?hr 1500 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts umspannen. Schon Christoph Kolumbus nahm auf seiner zweiten Amerikareise einen Gummiball mit und brachte ihn nach Sevilla; Bartolomé de las Casas berichtet ausführlich über die indigenen Gummiprodukte.

R?uchern von Milchsaft erzeugt Gummi

Der chemische Prozess, der zur Optimierung und Stabilisierung des Materials führt, l?sst sich auf der Grundlage modernen Wissens über die Chemie der R?ucherung erkl?ren. Dabei wird der Rauch, den bestimmte Nüsse erzeugen, wenn sie in einem Lagerfeuer bei kleiner Flamme verbrannt werden, verwendet, um das Polymer zu stabilisieren und zu konservieren. Das so behandelte Gummiprodukt wird durch die im Rauch enthaltenen organischen Verbindungen stabil und haltbar. Heute noch ist das R?uchern eine industrielle Technik der Vorbehandlung von Kautschukprodukten.

Soentgen, der vor seiner T?tigkeit in Augsburg an verschiedenen Universit?ten in Brasilien t?tig war, zeigt, dass ohne diese organische Vulkanisation, die eine indigene Erfindung ist, die moderne Geschichte des Gummis nie begonnen h?tte. Die Leistung Goodyears und anderer Chemiker bestand danach darin, eine Alternative zu diesem effizienten und ingeni?sen Verfahren entwickelt zu haben, n?mlich die Vulkanisation mit Schwefel.

Die Studie zeigt, dass der intellektuelle Anteil indigener V?lker an der modernen Polymertechnologie weitaus gr??er ist als bislang angenommen. Soentgens Beitrag l?dt dazu ein, die Geschichte des Kautschuks und damit einen wichtigen Teil der modernen Technikgeschichte neu zu schreiben und ist ein Beispiel für Technik- und Wissenschaftsgeschichte aus postkolonialer Perspektive.

?Kautschuk ist dabei nur das prominenteste Beispiel, auch andere moderne Substanzen, die zum Beispiel in der Medizin bei der Narkose oder auch bei der Krebstherapie verwendet werden, beruhen, wie sich durch wissenschaftshistorische Studien zeigen l?sst, auf indigenem Wissen“, so Soentgen.

Die indigenen V?lker Amazoniens an den Gewinnen der internationalen Kautschukindustrie zu beteiligen, sei kaum mehr m?glich. ?Es ist jedoch wichtig, zumindest ihren intellektuellen Beitrag anzuerkennen, statt diesen durch irreführend und historisch falsche Erz?hlungen unsichtbar zu machen“, so der Augsburger Chemiker und Philosoph.

Soentgens Studie baut auf früheren Arbeiten auf und steht im Kontext des seit vielen Jahren etablierten Augsburger Forschungsschwerpunktes Stoffgeschichten.

Originalpublikation:

Soentgen, Jens: Indigenous Knowledge and Material Histories. The Example of Rubber

Published online by Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781009442756

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